Nun läßt es sich ja in der momentanen Krise des (Finanz)-Kapitalismus trefflich streiten, ob das System falsch sei oder lediglich einige Manager und ihre Propaganda-Abteilungen in Instituten und Lobby-Verbänden versagt haben, fachlich und/oder menschlich. Daß es für neoliberale Priester dabei zuweilen sehr unbequem wird, ja sogar Scham aufkommen sollte, das wäre nur zu verständlich. Doch offenbar scheint es bei manchen zu einer Art Angstbeißen zu kommen, das zu völlig indiskutablen und abseitigen Vergleichen führt, wie ich bei Martina in “Kausch&Friends” lesen konnte. Berechtigte Kritik wird mit dem Judenhaß der 1920er und folgenden Jahren gleichgesetzt:
“1929 waren die Juden die Sündenböcke, heute sind es die Manager”, sagt der Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, im Tagesspiegel-Interview.”
Das Interview ist online nachzulesen unter:
tagesspiegel.de: “1929 traf es die Juden – heute die Manager”
Hans-Werner Sinn: “In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die „Manager“ an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln?”
Eine deutliche Antwort findet der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer im Gespräch mit der NRZ: “Zentralrat der Juden: Sinn muss sich entschuldigen”
„Dieser Vergleich ist empörend, absurd und absolut deplaziert, eine Beleidigung der Opfer”, [...] In Kenntnis dessen, was wenige Jahre später mit den Juden passierte, sei es hanebüchen, heutige Wirtschaftsführer mit Juden zu vergleichen. „Mir wäre neu, dass Manager geschlagen, ermordet oder ins Konzentrationslager gesperrt würden”, so Kramer. Sinns Einlassung folge einer seit langem zu beobachtenden Masche: „Wer sich unter Druck gesetzt fühlt, wählt Vergleiche mit den Juden, um sich unter die Opfer einreihen zu können.” Das sei in diesem Fall besonders abwegig. Wenn solche Vergleiche im Affekt geschähen, sei das schon schlimm genug, so Kramer. Die Tatsache, dass das Interview im “Tagesspiegel” von Hans-Werner Sinn vor der Freigabe durchgesehen und ausdrücklich autorisiert wurde, mache die Angelegenheit besonders verwerflich.
Nicht nur der Vergleich ist völlig daneben, auch die offenbar zugrunde liegende Assoziationskette mit den Stichworten Geld, Banken, Krise, Kapitalismus, Sündenbock, Juden, Judenhaß, Verfolgung, arme Manager läßt tief in Abgründe blicken.
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[...] und Beispielen überhaupt in der Lage ist, volkswirtschaftliche Prognosen zu treffen. Ach ja, der Bembel schreibt auch schon darüber:Nicht nur der Vergleich ist völlig daneben, auch die offenbar [...]
Pingback: Nochmal Sinn und das Interview - Kausch & Friends – 27. Oktober 2008
Wie tagesschau.de meldet, war die Kritik an Sinns unsinnigem Vergleich offenbar zu groß, so daß er die jüdische Gemeinde nun um Entschuldigung bittet:
In einem Brief an die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, bat Sinn die jüdische Gemeinde um Entschuldigung. “Ich habe das Schicksal der Juden nach 1933 in keiner Weise mit der heutigen Situation der Manager vergleichen wollen. Ein solcher Vergleich wäre absurd”, schrieb Sinn.
[...]
“Mir ging es allein darum, Verständnis dafür zu wecken, dass die wirklichen Ursachen weltwirtschaftlicher Krisen Systemfehler sind, die aufgedeckt und beseitigt werden müssen. Die Suche nach vermeintlichen Schuldigen führt stets in die Irre.” Er betonte, “meine Scham und mein Entsetzen gegenüber dem, was den Juden von Deutschen angetan wurde, haben mein Leben geprägt.”
Knobloch nahm die Entschuldigung des Wissenschaftlers an. Gleichzeitig mahnte sie, solche Fehltritte dürften sich nicht wiederholen. “Ich hoffe sehr, dass Entgleisungen dieser Art ein einmaliges Vorkommnis waren”, sagte die Zentralratspräsidentin.
[...]
Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel nannte Sinns Vergleich “historisch und ökonomisch unsinnig”. “Die Juden sind im Klima der Weltwirtschaftskrise zu den Sündenböcken ernannt worden”, sagte Hickel der Deutschen Presse-Agentur dpa. Dies sei eine Diffamierungskampagne gewesen, die auch zur massenhaften Verfolgung und Vernichtung der Juden geführt habe. “Ökonomisch irrt Herr Sinn, wenn er die Bankenmanager vom Vorwurf des Missmanagements freisprechen will.”
Link: http://www.tagesschau.de/inland/sinnzitat104.html
Kommentar: bembelkandidat – 27. Oktober 2008
[...] Die Intelligenz des allwissenden Wirtschaftsprofessors Sinn schlägt mit voller Wucht zu. Und zwar setzt Sinn in einer einzigen Antwort auf die Frage, ob Manager Opfer seien, enorm viele Schlag- und Totschlagargumente ein. Eine Antwort, die für Sinn – natürlich nach den Reaktionen – bestens geeignet ist zu behaupten, die Leser hätten ihn missverstanden. Sündenböcke – anonyme Systemfehler – Manager – Antisemitismus – Indien – Verkehrsregeln. Das alles in einer Antwort konzentriert, Das alles in einer Antwort konzentriert, die bembelkandidat als Assoziationskette bezeichnet. [...]
Pingback: Stumpfer Sinn | Bürger-Herold – 27. Oktober 2008
Ich finde es doch immer wieder unerträglich, dass, wer solche falschen Gleichsetzungen hinausposaunt, sich anschließend bei irgendeiner jüdischen Organisation entschuldigt. Mal abgesehen von dem Quatsch, “sich selbst entschuldigen zu wollen”: Es geht doch nicht darum, dass man mit der falschen Gleichsetzung Gefühle verletzt hat! (Und wenn, warum eigentlich dann bloß die von Juden? Und wieso von Juden als Kollektiv?) Es geht darum, dass die demokratische Gesellschaft solche Gleichsetzungen aus eigenem politischen Interesse zurückweisen muss. Diese Tatsache geht bei der blödsinnigen “Sich-beim-Zentralrat-Entschuldigerei” immer verloren, und dieses Ritual stiftet mehr Schaden in den Köpfen als die falsche Gleichsetzung es je für sich alleine könnte.
Kommentar: Lisa Rosa – 28. Oktober 2008
da stimme ich Lisa Rosa zu, der sinn muß sich bei uns allen “entschuldigen” für den quatsch, den er absichtlich verzapft hat! er hat nämlich die kritiker an den verantwortlichen managern in die ecke der nazis gestellt, die seinerzeit mit ihrem judenhaß “die juden” als sündenböcke instrumentalisiert und später verfolgt und ermordet haben. mit der nazi-keule sollte wahrscheinlich jede noch so berechtigte kritik diskreditiert werden.
lesenswert dazu auf den nachdenkseiten:
Professor (Un-)Sinn: Manager als die neuen Juden – wenn Ideologie blind macht
“Aber ihm geht es ja gerade nicht darum, die Bankergilde ihrer Alleinverantwortung zu entheben, um gleichzeitig auch andere Schuldige heranzuziehen – für ihn ist ein Abstraktum schuld und die Manager sind die bemitleidenswerten Opfer. Und um ihrem derzeitigem Status auch gerecht zu werden, kann man diese nurmehr mit den verfolgten und ermordeten Juden des Dritten Reiches gleichsetzen – nur dieser geschichtliche Vergleich macht laut Sinn das “Leid” der heutigen Banker fassbar.
[...]
… Bei den Erwerbslosen handelt es sich um eine beinahe rechtlose Bevölkerungsgruppe, die öffentlich diffamiert und verächtlich gemacht wird, während die Bankerschaft noch nicht einmal mit ihrem Privatvermögen für ihre Gier herangezogen wird, stattdessen ein Milliardenpaket gewährt bekommt, dieses fast ohne staatliche Auflagen. Die Banker fielen nun vom hohen Ross – nicht mal das ist gewiss -, während die Erwerbslosen schon vorher im Dreck lagen. So besehen ist das mediale Verbalflatulieren des Sinn eine unerträgliche Verdummung und Zurechtstutzung, eine Form des Mundtotmachens derer, die die Ackermänner kritisieren, ja sogar bestraft sehen wollen.”
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3541
Kommentar: jopi – 28. Oktober 2008
Da habt ihr natürlich Recht, einmal mehr wird eine religiöse Gruppe, “die Juden”, im Zusammenhang mit einer Geld- und Finanzkrise in Verbindung gebracht und instrumentalisiert, um berechtigte Kritik mit der (wie Jopi es formuliert) “Nazi-Keule” im Keim zu ersticken.
Kommentar: bembelkandidat – 28. Oktober 2008