Web 2.0 ist für die Politik 2.0 mittlerweile ein wirksames PR-Werkzeug in ihren Kampagnen (zuletzt verstärkt duch den Obama-Hype), verspricht es doch Authentizität und menschliche Nähe, daß da nicht immer Politiker XYZ bloggt oder twittert, sondern eben dies von der Parteijugend oder einer PR-Agentur erledigt wird, liegt nahe. Sofern es nicht eh bekannt ist, wird’s beim zufälligen Outing allerdings etwas ungemütlich. So kam durch ein “dummes” Mißgeschick heraus, daß der hessische SPD-Spitzenmann Thorsten Schäfer-Gümbel (@tsghessen) schon mal twittern läßt, was nun für Verstimmung sorgt.
“Seine durchaus als erfolgreich einzustufende Netzarbeit verdankt Herr Schäfer-Gümbel einer kleine und feinen Agentur, die ihm hilft, seine Internetpräsenz aufzubauen. Wie weit diese kleine Agentur ihm hilft, habe ich heute morgen festgestellt – anscheinend lässt Herr Schäfer-Gümbel für sich twittern…..”
wie Tilla von spuer-sinn.net herausfand

Mit dem Twitter-Account oliverbarracuda wurde folgender Tweet abgesetzt
“Hallo an die ersten 2004 Follower. Weil wir die Regierungsübernahme 2014 planen, lade ich Follower 2014 in Wiesbaden zum Essen ein”
der dann ganz schnell dort verschwand , um kurze Augenblicke später unter dem TSG-Account tsghessen wieder zu erscheinen.
In den Kommentaren bei Tilla hat wohl Oliver Zeisberger (alias oliverbarracuda) dieses Mißgeschick eingestanden:
“Es ist ganz banal und tatsächlich recht doof gelaufen. Von mir. TSG hat mich heute früh gebeten die Nachrichten für ihn zu versenden, weil es vor dort, wo er zu dem Zeitpunkt heute morgen war, nicht funktionierte. Ich war beim Boarding am Flughafen und wollte daher die Nachricht noch vor dem Abflug und dem Abschalten der Geräte twittern, zumal während des Fluges der 2014. Follower möglicherweise schon dazu gekommen wäre.
Mir ist dann in der Hektik der Fehler unterlaufen, es tatsächlich mit dem falschen Login abgesetzt zu haben. Gelöscht habe ich es in Twitter, weil die Nachricht unter meinen Namen gar keinen Sinn macht.
…
Dass TSG hin und wieder meine Hilfe in Anspruch nimmt, ist hinlänglich bekannt. Er hat das ja auch schon im Interview mit Robert Basic getwittert. Dass es am Flughafen heute früh so gelaufen ist, lässt mich zerknirscht zurück.
Die Tweets stammen aber von TSG und darum sollte es doch eigentlich auch gehen, oder? Er benutzt normalerweise dazu Twibble und in Ausnahmefällen mich, wenn das Versenden bei ihm an irgendetwas hakt.
Wo getwittert wird, passieren Fehler.
So, dann jetzt wieder weiter mit Verschwörungstheorien… ;-)”
Eine Verschwörungstheorie hatte zwar niemand aufgestellt, somit sollte dem Mißgeschick wohl eine humorige Note gegeben werden oder um Nicht-Gesagtes läßt sich trefflicher streiten.
Die Verstimmung ist groß, zumal beim Twitter-Gezwitscher nicht deutlich gemacht wurde, daß “im Auftrag” gepostet worden ist, wie Tilla kommentiert:
“Ich finde es nur sehr bedenklich, wenn nicht gesagt wird, dass jemand in meinem Auftrag für mich unter meinem Namen irgendwo irgendwelche Worte ablässt. Das hinterlässt einen seltsamen Nachgeschmack. Ich war nicht die einzige, die diese Aktion heute morgen im Twitter hinterfragt hat – Antwort hat, glaube ich, niemand bekommen. Da hat jemand seinen Job sehr schlecht erledigt!”
und
“Ich hab ja gar nichts dagegen, dass sich Politiker das ein oder andere Helferlein gönnen. Sie sind ja auch nur Menschen. Aber sie sollten dazu stehen! Transparenz ist das Zauberwort! Und das ist hier nicht passiert.”
Während aebby enttäuscht ist (“Es geht hier nicht um Verschwörungstheorien sondern um Enttäuschung.”), ist mikel da noch etwas ungehaltener und kommentiert:
“@Oliver: Das Banale ist genau der Punkt. Da steht ICH. Kein Mensch verlangt von einem Oppositionsführer in einem Landtag, dass er twittert. Keine Zeit dafür findet, was auch immer. Aber wenn da steht ICH, dann erwartete man ICH, den TSG und nicht sonst wen.
Die SPD hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ein großes. Sie hat ab sofort noch eines.”
und legt in seinem Blog (mikelbower.de) noch einmal nach
“Was die Damen und Herren nicht begreifen wollen, wohl auch nicht können ist folgendes: Die Menschen haben die Nase voll von PR. Himmel noch einmal, kann keiner mehr sagen. Tut mir Leid, aber ich hab so viel zu tun, aber der und der oder die halten Euch auf dem laufenden? So easy as.
Und wer das nicht kapiert: Persönliche Ansprache muss auch persönlich sein, und wer das nicht so handelt, der hat nichts kapiert. Ist so.”
netzpolitik.org bemerkt dazu:
“In diesem Fall wirft es aber die Frage nach Authentizität auf. Immerhin wurde Thorsten Schäfer Gümbel als der Politiker präsentiert, der das alles alleine nutzt. Und nicht wie in der Regel bei anderen Politikern das meiste von den Büromitarbeitern eingestellt wird. Als ich den Link eben twitterte, bekam ich als Antwort von @oliverbarracuda , dass dies kein Ghostwriting gewesen sei, sondern nur “technische Unterstützung beim Senden von Tweets”. Das kann passieren, wenn man als Agentur zwischen Politiker und Tools als Mittler auftritt. Was wahr und was Inszenierung ist, kann ich in diesem Fall nicht genau sagen.”
Politik 2.0 im deutschen “Superwahljahr 2009″ ist also nicht so einfach und in manchen Punkten letztlich auch nicht viel anders als Politik 1.0. Warum aber ist die Authentizität für viele so wichtig? Im positiven Sinn bringt die Authentizität einem (vermeintlich) den Menschen ‘hinter’ dem Politiker nahe und vermittelt so poltisches Handeln und Denken auf einer persönlichen Ebene. Oder aber es kann über das poltische Handeln und Denken eines Menschen hinwegtäuschen und -trösten, soviel zur Theorie. Letztlich ist also gerade im (persönlichen “Mitmachweb”) Web 2.0 die Authentizität (oder ihr Anschein) von zentraler Bedeutung, weshalb “Aufrichtigkeit” in diesem Punkt für die “Community” eine zentrale Funktion hat (insbesondere bei einem Personality-Tool wie Twitter), die einzulösen aber wohl Illusion und Wunschdenken ist. Zumal natürlich die Frage gestellt werden muß, inwieweit das mit 140 (belanglosen?) Zeichen überhaupt möglich ist und wie “wahr” letztlich ‘echtes’ Selbstdarstellungsgezwitscher ist (oder wie sinnvoll). Zentral scheint mir bei der Nutzung von Microblogging wie Twitter durch PolitikerInnen und der Frage nach Authentizität, ob sie dies als “unpersönline” Linkschleuder z.B. für PMs nutzen oder “persönliche” Nachrichten aus ihrem Alltag absetzen. Die Diskussion erinnert mich übrigens auch ein wenig an die Debatten seinerzeit um die ersten bekannt gewordenen Fake-Blogs.
Im obigen Fall von TSG (im übrigen, ein kurzes i.A. hätte gereicht) will ich ja noch immer glauben, daß der ein oder andere Tweet wirklich direkt von ihm selbst stammt (im Video-Chat am Wahltag war doch auch kein Double zu sehen, oder?), nicht zuletzt deswegen, weil ich mit ihm in einem zufälligen Gespräch (noch vor der Wahl) kurz über das Twittern geredet hatte. Und daß der Volker Beck selbst twittert, das will ich jetzt auch noch glauben.
Und wenn wir schon mal beim Thema Microblogging sind, möchte ich einen Text von Chris (fixmbr.de) zum Thema empfehlen, in dem mal klar gemacht gemacht wird, daß MB nicht gleich Twitter ist und es sinnvolle Twitter-Alternativen wie identi.ca gibt, da heißen dann die Tweets auch nicht mehr Tweets sondern Dents (hat das eigentlich was mit Arthur Dent aus “Per Anhalter durch die Galaxis” zu tun?).
Nachtrag: Der Landesvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein Ralf Stegner ist da übrigens eindeutig und twittert:
“Lese mit Verwunderung die Eintraege zu twitternden Politikern. Entweder selbst oder gar nicht-gilt jedenfalls bei mir. You get what you see!”
und netreaper schüttelt ein wenig verwundert den Kopf über die ‘Aufregung’, “Ohje: Politiker _lassen_ twittern!“:
“Jetzt mal ganz ehrlich: wer ist so brüllend naiv zu glauben, dass TSG das tatsächlich alles selbst gemacht hat? Ich bitte euch, get real! [...]
Bevor ich mich weiter reinsteigere: wer in Hessen einen Lügner sehen will, der soll sich den neuen Ministerpräsidenten anschauen. Und: Ghostwriting ist garantiert nicht mit einer Lüge gleichzusetzen.”
Chris (fixmbr.de) sieht sich derweil bestätigt und hat einen deftigen Vergleich auf Lager:
“Ich hoffe ja wirklich, dass so mancher Web 2.0-Gläubige nun vielleicht doch einmal darüber nachdenkt, dass der Inhalt eventuell doch wichtiger ist, als das Medium. Die Web 2.0-Junkies Deutschlands sind ihm gefolgt, wie die Jünger Jesus Christus gefolgt sind. Der Unterschied jedoch: Jesus Christus hat sich für seine Jünger geopfert und Thorsten Schäfer-Gümbel schickt seine PR-Agentur vor.”
macht aber zusätzlich noch, wie auch netzpolitik.org, auf ein Datenschutzproblem bei Twitter aufmerksam, dem auch der obige Screenshot geschuldet ist:
“Und wer sich jetzt darüber wundert, warum die Twitter-Suche gelöschte Tweets findet, der dürfte ähnlich fassungslos sein, wie meine Wenigkeit. … Sofern man überhaupt von Datenschutz bei diesem unglaublichen Loch sprechen kann.”
und Oliver Zeisberger hat noch einmal ausführlich in einem Kommentar die technischen Probleme von Thorsten Schäfer-Gümbel dargelegt, weswegen er Tweets von anderen absenden lassen muß:
“Seine Tweets schreibt TSG auf einem E61i. Ein alternatives Gerät (Laptop oder so) hat er unterwegs in der Regel nicht dabei. Seine Tweets lassen sich aber über Twibble nicht immer problemlos an Twitter versenden. [...]
Per SMS lassen sich die Tweets nicht versenden, da sich die Rufnummer des Gerätes bei Twitter bisher nicht registrieren lässt. [...]
Die Möglichkeit zur Nutzung der mobile Website oder der regulären Website von Twitter mit dem E61i ist in Nordhessen beinahe nur vollkommen zufällig möglich. Wenn TSG twittert, dann meistens im Auto. [...]
Wir haben es heute besprochen und ab nun werden (bis ein anderes Gerät oder eine andere technische Lösung an Bord ist) Tweets gekennzeichnet, die er nicht mit den eigenen Fingern in sein E61i eintippt, sondern die von mir oder anderen dann für ihn abgetippt werden.”
Nachtrag 02:
-> siehe auch den Politik 2.0-Versuch der Hessen-CDU, “Nicht so einfach mit der Politik 2.0”
-> und Lisa Rosa über “Wie die digitalen Medien die Politik verändern von Tobias Moorstedt“
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Also ehrlich: bei einem Politiker, der selber twittert, würde ich nur sagen “der hat wohl nichts zu tun?”. Für mich ist selbstverständlich, dass er die PR im Wahlkampf nicht selbst macht, sondern delegiert. Oder ist Twittern etwas so anderes? Ich habe noch nie gesimst, und brauche auf dem Handy ewig, bis ich einen Namen zur Telefonnummer eingegeben habe, da bin ich vielleicht nicht kompetent…. ;-)
Kommentar: eule70 – 29. Januar 2009
och, zeitlich ist das eine sekundentätigkeit für “zwischendurch” und nebenbei, liebe eule, auch technisch absolut kein großer aufwand, selbst vielbeschäftigte politikerInnen können das :-)
Kommentar: bembelkandidat – 29. Januar 2009
Naja, so wird das wohl nix mit Politik 2.0 in Deutschland. Hätten se mal das aufschlussreiche Buch von Tobias Moorstedt gelesen (s. meine Rezension) in “Mein Amtsantritt Obamas”. Dann wäre nämlich klar geworden, dass es einen Unterschied macht, ob man das Medium nur dazu benutzt, die alte nicht partizipative Wahlkampfpolitik mit dem Geruch der Modernität zu pimpen, oder ob man tatsächlich eine neue partizipative Politikmache in Gang setzen möchte. Das letztere ist hier noch lange nicht zu erwarten.
Kommentar: Lisa Rosa – 05. Februar 2009
@Lisa Rosa
Danke Dir für Deinen Kommentar, Deinen Hinweis habe ich mal aufgegriffen und im Posting auf Deinen Beitrag verlinkt ;-)
Kommentar: bembelkandidat – 05. Februar 2009
Danke für die Verlinkung! Ich merke, dass ich nachgerade missionarischen Eifer für dieses Thema entwickele. ;-)
Kommentar: Lisa Rosa – 05. Februar 2009
@Lisa Rosa
gerne doch und wenn der “missionarische Eifer” von Dir kommt, dann weiß ich wenigstens, daß er inhaltlich hochwertig und gehaltvoll ist, von daher, Missioniere ruhig mal ein wenig ;-)
Kommentar: bembelkandidat – 07. Februar 2009