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Wie groß muß der Friedhof am Rande Europas noch werden?

Hoffnungsvoll machen sich Menschen auf den Weg, wagen mit dem Mut der Verzweiflung eine ungewisse und gefährliche Reise, nur um etwas vom dem menschenwürdigen Leben abzubekommen, das auch ihnen zusteht.

Männer, Frauen und kleine Kinder, die nicht freiwillig ihre Heimat verlassen, die auf diesem Weg über ein stürmisches Meer gejagt und behandelt werden, wie Schwerstkriminelle, und von denen viele qualvoll in größter Not sterben. Das alles passiert tagein, tagaus vor der Haustür des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union, seiner Regierenden, Mächtigen und Menschen, einer EU, die dies in ihrer Gleichgültigkeit als Normalität betrachtet. Was bedeutet ihr Frieden?

Am Rande Europas, vor den Küsten von Lampedusa und Linosa spielt sich dieses Drama ab, und die Bürgermeisterin der Inseln, Giusi Nicolini, hat nicht mehr ausreichend Platz auf ihrem Friedhof für die Leichen, sie ist erschüttert über die Gleichgültigkeit in der EU angesichts der toten Menschen im Meer vor unserer Haustür. In einem Brief vom November 2012 schreibt sie:

Ich bin die neue Bürgermeisterin der Inseln Lampedusa und Linosa.

Im Mai 2012 gewählt, bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen, und das ist für mich unerträglich. Das ist für Lampedusa ein belastender, grosser Schmerz.

Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten.
Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich:
Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?

Ich kann nicht begreifen, wie eine derartige Tragödie als normal angesehen werden kann, wie man die Vorstellung aus dem Alltag verbannen kann, dass 11 Menschen, darunter 8 sehr junge Frauen und zwei 11- und 13-jährige Jungen, zusammen umkommen können, wie es letzten Samstag geschehen ist, während einer Reise, mit der für sie ein neues Leben hätte beginnen sollen. 76 von ihnen sind gerettet worden, doch es waren insgesamt 115. Die Zahl der Toten übersteigt die Zahl der Körper, die das Meer wieder hergibt, immer um einiges.

Ich bin über die Gewöhnung entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg. Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer als Weg sieht, um die Migrationsflüsse einzudämmen, wenn nicht als Abschreckung.
Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann glaube ich, dass ihr Tod im Meer für Europa Grund zur Schande und Unehre sein muss.

In diesem sehr traurigen Kapitel der Geschichte, dass wir alle schreiben, ist der einzige Grund, der Stolz bietet, die Männer des italienischen Staates, die täglich 140 Meilen von Lampedusa entfernt, Menschenleben retten, während die, wie es letzten Samstag geschah, die nur 30 Meilen entfernt von den Schiffbrüchigen waren und mit ihren schnellen Booten, welche unsere frühere Regierung Gaddafi schenkte, hätten eingreifen können, aber die Hilferufe der Schiffbrüchigen ignorierten.
Diese Patrouillenboote werden dagegen effektiv genutzt, um unsere Fischerboote zu beschlagnahmen, auch wenn sie außerhalb der libyschen Hoheitsgewässern sind.

Alle sollen wissen, dass es Lampedusa ist, mit seinen Einwohnern, mit den Rettungs- und Empfangskräften, die diesen Leuten Menschenwürde verleihen, und somit Würde für unser Land und ganz Europa gibt.
Wenn diese Toten aber nur unsere Toten sein sollen, dann will ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben
wird, ein Beileidstelegramm erhalten. So, als hätte er eine weisse Haut, als wäre er unser Sohn, der im Urlaub ertrunken ist.

Giusi Nicolini

Der Brief ist im Original hier [L’appello di Giusi Nicolini, sindaco di Lampedusa] und hier [L'appello del sindaco di Lampedusa all'Unione Europea] nachzulesen. Die obige Übersetzung ins Deutsche basiert aus einem Vergleich zweier Versionen, einmal einer Übersetzung von Susanne Scholl bei Pro Asyl [leider via Facebook] und der umfangreichen Ergänzung und Korrektur in den FB-Kommentaren von Chiara Sanvidotto und Renate Albrecht, die von mir sprachlich leicht korrigiert und angepaßt wurde. Den Hinweis auf die deutsche Version des Briefes verdanke ich der Sammelmappe: “Wie groß muss der Friedhof werden?

Hier einmal im Bild ein Vergleich beider, unterschiedlich langer Übersetzungsvarianten, die zusammengeführt worden sind:

Mittwoch, 16. Januar 2013, in der Kategorie politik/gesellschaft. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Dann aber bei der Gelegenheit bitte noch die Überschrift korrigieren: Ich bin die neue Bürgermeisterin DER Inseln Lampedusa und Linosa

    @Gast
    Och jo, Merci, da hat sich der Cache doch noch drübergelegt, war schon mal korrigiert und sollte jetzt endlich auch so zu sehen sein;)

    Kommentar: Gast – 16. Januar 2013

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